Wolfgang Gockels Erbe

Language: English / Spanish / German Letzte Aktualisierung 6/1/2013, neu hinzugefügte Absätze sind kursiv markiert.

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Entzifferung der Maya Hieroglyphen

Die meisten der bisherigen Entzifferungsversuche basieren, wenn sie nicht vom Landa-Alphabet ausgehen, auf Analysen der Texte der drei Maya-Codices in Madrid, Dresden und Paris. Gegen diese Handschriften als Ausgangspunkt einer Untersuchung sprechen verschiedene Faktoren:

1. Die Codices sind Abschriften der Spätzeit (nach 1200 n. Chr.) von klassischen Vorlagen, und es muss davon ausgegangen werden, daß die Schreiber beim Kopieren der Originale Fehler gemacht haben (Kelley, 1976: 15). Außerdem sind die Schriften religiösen und/oder astronomischen Inhalts und waren nur für die Benutzung von einer Elite von „Wissenden“ bestimmt. Es ist anzunehmen, daß die „Wissenden“, die Priester, für ihre Kenntnisse eine bestimmte Terminologie verwendeten, die der Allgemeinheit gar nicht oder nur bruchstückhaft bekannt war. Aus diesem Grunde und wegen der systematischen Ausrottung der Priester in der frühen Kolonialzeit kann davon ausgegangen werden, daß diese spezielle Terminologie in den kolonialzeitlichen und modernen Vokabularien zu den Maya-Sprachen nur in geringen Spuren zu finden ist. Die Gliederung der Codices zeigt außerdem, daß sie katalogartig aufgebaut und die Informationen in einer Art „Kurzschrift“ oder nicht in der üblichen Sprechform aufgezeichnet sind. Alle diese Faktoren sind der Grund dafür, daß eine Entzifferung, von den Codices ausgehend, äußerst schwierig, wenn nicht unmöglich ist.

2. Wie die Entzifferung der Keilschrift durch Georg Friedrich Grotefend gezeigt hat, ist es möglich gewesen, eine Inschrift zu entziffern, von der weder Sprache noch Inhalt bekannt waren; um wieviel leichter muss es dann sein, die Maya-Hieroglyphen zu lesen, deren zugrundeliegende Sprache einem der Maya-Dialekte ähneln sollte und deren Inhalte zumindest teilweise bekannt sind. Beginnen sollte man wie Grotefend mit einer möglichst langen Inschrift, die Herrschernamen und Titulaturen enthält. Da Grotefend bei seiner Entzifferung der persischen Keilschrift von der sehr viel späteren mittelpersischen Sprache ausging, sollte es bei den Maya-Hieroglyphen möglich sein, von einem der im 16. Jahrhundert gesprochenen Maya-Dialekte ausgehen.

3. Die bisherige Praxis, Glyphen unabhängig vom Zeitpunkt oder Ohr ihrer Niederschrift miteinander zu vergleichen, muß abgelehnt werden, da man neben den handschriftlichen Unterschieden (Kelley, 1976:15) auch zeitlich und örtlich bedingte Unterschiede erwarten muss, die sich bei allen Schriften über Distanzen von mehr als 500 Kilometern und fast 1000 Jahren nachweisen lassen. Aus diesem Grunde werden hier zunächst nur die nahezu vollständig erhaltenen Inschriften von Palenque bearbeitet, die den Vorteil haben, daß sie größtenteils von L. Schele vorbildlich umgezeichnet und daher leicht lesbar sind. Zusätzlich haben die Palenque-Inschriften den Vorteil, daß sie entsprechend ihren Daten alle in einem Zeitraum von ungefähr 100 Jahren entstanden. Daneben hat es sich im Laufe der Untersuchung als positiv erwiesen, daß der längste bekannte klassische Hieroglyphentext vom Tempel der Inschriften in Palenque im Kontext ungestört ist und in seinem Mittelteil sonst wenig übliche Informationen enthält, was schon das Fehlen von Daten zu erkennen gibt. Von ähnlichen Voraussetzungen ging schon Beyer (1931) bei seiner Untersuchung der Inschriften von Chichen Itzà aus, ohne allerdings nennenswerte Ergebnisse zu erhalten.

4. Eine „Entzifferung“ besteht nicht aus einer Interpretation des Inhalts, sondern aus der vollständigen Transliteration, Transkription und übersetzung jedes einzelnen Zeichens, was natürlich zu Beginn einer Entzifferung unmöglich ist. Im Gegensatz zur bisher üblichen Praxis, einzelne Glyphen, Glyphenkombinationen oder begrenzte Passagen von Texten zu transkribieren und zu übersetzen (vgl. Dütting, 1986:83 ff.), was schon Knorozov zu vermeiden suchte (1967:60 ff.), werden hier Texte vollständig bearbeitet, auch wenn in einzelnen Fällen eine Hieroglyphe nicht transkribiert werden kann. Bei der übersetzung der Transkription wurde auf die bisherige Praxis verzichtet, Belege für die erhaltenen Lesungen in allen nur möglichen Maya-Dialekten zu suchen. Grundvoraussetzung für eine gelungene Entzifferung und übersetzung ist, daß die erhaltenen Lesungen bis auf wenige Ausnahmen in Vokabularien des Yukatekischen belegt sind, die aus dem 16. und 17. Jahrhundert stammen. Dies ist geradezu zwingend, wenn man mit den Inschriften nur eines Ortes arbeitet.

5. Die Entzifferung muss zu grammatisch richtigen und inhaltlich sinnvollen Sätzen führen. Im Falle von Palenque wurde der Yukatekische Dialekt zugrunde gelegt , obwohl einige Wissenschaftler „Chol/Cholan“ oder ein anderes Idiom für wahrscheinlicher halten (Riese, 1982:256). Das Yukatekische wurde hier wegen einer vermuteten Beziehung zwischen Yukatan und Palenque gewählt, die sich im archäologischen Befund an Details der Architektur, der Glyphen und der darstellenden Kunst dokumentiert. Als Wörterbuch wurde fast ausschließlich auf das „Cordemex“ (1980) verwiesen, wodurch sich das Problem der unterschiedlichen Umschrift in verschiedenen Vokabularien umgehen ließ (Cordemex:39 a ff.). Als Grammatiken wurden Seler (reprint 1960: 65ff.), Zavala (reprint 1974), Tozzer (reprint 1977) und McQuown (1967) verwendet.

6. Als sicher entziffert gilt eine Glyphe erst dann, wenn sie bei gleicher Transliteration in drei verschiedenen Wörtern oder Bedeutungen in unterschiedlichen Sätzen grammatisch richtig und inhaltlich sinnvoll belegt ist. Diese Forderung erfüllen leider nur rund 50 Prozent der im Glyphenkatalog angeführten Zeichen, was teilweise darauf zurückzuführen ist, daß viele Maya-Begriffe einsilbig sind. Eine etwas geringere Sicherheit wird der Entzifferung von Glyphen zugeschrieben, die an mehr als fünf Textstellen in gleicher Transliteration, Transkription und Bedeutung belegt sind. Voraussetzung ist in allen Fällen die gleiche Transliteration und Transkription, wenn es nicht um Polyphone handelt, deren unterschiedliche Lesung aus der Glyphe selbst zu erklären ist. Die Bedingungen für die Akzeptierung der Mehrwertigkeit einzelner Zeichen werden im Kap. Polyphonie behandelt.

7. Der Nachweis von Richtlinien oder Gesetzen der Hieroglyphen-Schreibung ist eine weitere Voraussetzung für die Akzeptierung einer Entzifferung. Schriften, die an den Außenwänden von Tempeln und Palästen oder auf Stelen in großen Höfen angebracht waren, haben Repräsentationscharakter und sollten daher zumindest in den Grundzügen von einer Größeren Gruppe von Betrachtern verstanden worden sein. Dies setzt voraus, daß der Schriftaufbau und die Struktur leicht nachvollziehbar sind. Gerade von Priestern, die in der Lage waren, komplizierte astronomische Berechnungen vorzunehmen, kann man die Berücksichtigung und Aufstellung logischer Gesetzmäßigkeiten erwarten. Von solchen oder ähnlichen überlegungen ist auch Knorozov bei seiner Entzifferung ausgegangen (1967: 34-43), der sich außerdem besonders mit den grammatischen Voraussetzungen der Hieroglyphenschrift auseinandergesetzt hat.

Von diesen Grundsätzen ausgehend wurde die Entziffereung bei den Steininschriften von Palenque begonnen. Der dreiteilige Text des Inschriften-Tempels, bei dem es sich mit über 560 Kartuschen - rechteckiger oder quadratischer Block, zu dem die Glyphen in der Regel innerhalb der Texte zusammengefasst sind (bei Kelley „Glyger“ genannt, 1976:14 f.) - um die längste bisher bekannte klassische Inschrift handelt, erwies sich dabei als Schlüsselmonument.

Die sich über Monate hinziehenden Versuche, die Inschriften mit Hilfe der bisher als transkribiert geltenden Glyphen zu lesen - bei der Amerikanischen Schule zirka 100 Glyphen (Morley u.a. 1984: 464) und bei der Tübinger Schule ungefähr 200 Zeichen (Dütting, 1979: 58ff.) - führten zu keinerlei Ergebnissen oder ständigen Widersprüchen mit den oben aufgestellten Richtlinien.

Wenn die Schriftexperten in den letzten Jahren 80% der gebräuchlichsten Maya-Glyphen verstehen lernten und nach D Freidel die Syntax sowie die Positionen von Verben, Objekten und Subjekten kennen (Spiegel, 1988, Nr.30:147) und nicht in der Lage sind, mehr als den einen oder anderen Satz bruchstückhaft zu transkribieren und zu übersetzen, dann beweist das eindeutig, daß irgend etwas an den bisherigen Ergebnissen falsch ist. Dies bestätigt sogar noch die Tatsache, daß selbst mit der rekonstruierten Ursprache Proto-Chol, die als Sprache der klassischen Inschriften postuliert wird, keine zusammenhängenden Texte transkribiert und übersetzt werden können.

Wolfgang Gockel

Wolfgang Gockel studierte Archäologie in Deutschland. Er wanderte 1984 nach Finnland aus und arbeitete als freiberuflicher Archäologe bei Ausgrabungen und für Museen. Außerdem veröffentlichte er mehrere Bücher über Lateinamerika und den Mittleren Osten (vgl. Bibliographie).

Im Frühjahr 1987, während seiner Arbeit im Uffizi Gallery, verbrachte Wolfgang Gockel die Abende mit der Arbeit an den Maya Hieroglyphen. Während meines Besuches in Florenz war Wolfgang sehr aufgeregt und glaubte auf der richtigen Spur zu einer Entzifferung zu sein. Im Juni 1988, veröffentlichte der Stern Neuigkeiten seiner Entdeckung. Der wissenschaftliche Beweis seiner Theorie wurde im Herbst 1988 in dem Buch Die Geschichte einer Maya-Dynastie. Entzifferungen klassischer Maya-Hieroglyphen am Beispiel der Inschriften von Palenque veröffentlicht.

Wolfgangs Theorie, eine radikale Abkehr von sowohl der amerikanischen als auch der deutschen Schule für Mayanologie fand wenig Akzeptanz. Die negative Bewertung von Prof. Dr. Bertold Riese in Spektrum der Wissenschaft (die deutsche Ausgabe von Scientific American) (January 1990:130-134) und die Antwort (August 1990:8) von Dr. Russell Block, einer der Sachverständigen für den Stern Artikel, zeigen die Diskrepanz auf. Die erste Auflage des Buches war schnell ausverkauft, unglücklicherweise war es nicht möglich eine weitere Ausgabe in deutscher Sprache aufzulegen. Das Buch wurde jedoch ins Spanische übersetzt und 1995 von Editorial Diana in Mexico als Historia de una dinastìa Maya. El desciframiento de los jeroglìficos mayas de acuerdo con las inscriptiones de Palenque veröffentlicht.

Wolfgang war ziemlich enttäuscht über die Reaktionen auf seine Theorie. Eine, vom Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim veranstaltete Konferenz, bei der Wolfgang die Möglichkeit seine Theorie vorzustellen und zu verteidigen erhalten sollte, wurde plötzlich abgesagt und niemand aus der 'Maya-Szene' schien Interesse daran zu haben seine übersetzung auch nur zu betrachten.

Da er von seiner wissenschaftlichen Arbeit nicht leben konnte, begann Wolfgang Reiseführer zu schreiben. Einige neue Erkenntnisse seiner Forschung sind in den Ausgaben über Mexiko und Guatemala zu finden. Im Herbst 2001 wurde Wolfgang mit Prostatakrebs diagnostiziert. Die Ärzte gaben ihm eine Lebenserwartung von 2 Jahren. Wir entschieden deshalb, dass er mehr von seiner Zeit für die Maya-Forschung verwenden sollte.

Wolfgang starb am 3. März 2005. Er hinterließ seine Arbeit unvollendet, war aber überzeugt, davon, dass seine Theorie auch für Inschriften anderer Maya Stätten brauchbare übersetzungen ergeben würde (siehe unten). Sein Traum war es, ein leicht verständliches Geschichtsbuch über Yucatan zu schreiben, leider existiert nur die wissenschaftliche Version. Ich arbeite nicht auf dem Gebiet der Maya und kann nicht garantieren, dass das unvollendete Material fehlerfrei ist. Ich kann für Wolfgangs Ernsthaftigkeit, seine Liebe und Passion für wissenschaftliche Arbeit bürgen und in diesem Geist veröffentlichen wir, unsere Söhne Arne und Erik und ich, die Ergebnisse seiner Arbeit.

Der erste Teil der Veröffentlichung umfasst: die Einleitung des Buches über Palenque in Deutsch, Spanisch und Englisch, sowie bisher nicht veröffentlichtes Material über Calakmul, Uxmal, Sayil, Sotsil, Xlapak, Kabah, Santa Rosa Ixtampak, Ek'Balam, Tula und Kabah in Deutsch. Es gibt sehr viel mehr, das hinzugefügt wird sowie es die Zeit erlaubt.

Mein Dank gilt Daniel Flaccus, Wolfgangs Sohn, für seine Hilfe das Material aufzubereiten und Dr. Russell Block, der nach 20 Jahren extra nach Finnland reiste um das Material zu sichten und mit mir übereinstimmt, dass es Wolfgangs Arbeit verdient, für eine neue Generation von Wissenschaftlern 'online' verfügbar gemacht zu werden.

Ich hoffe, dass diese neuen Hinweise Licht in das Verständnis der Maya-Kultur bringen und die Wissenschaft auf diesem Feld voranbringen. Sie können von all jenen genutzt werden, deren Interesse den Maya Hieroglyphen gilt. Ich erwarte aber, dass Wolfgang Gockel zitiert wird, sofern die Ergebnisse seiner Arbeit verwendet werden. -Maarit Gockel (contacts via e-mail as firstname.lastname@tapiola.fi, Maarit being firstname and Gockel lastname)

Wissenschaftliche Arbeit

Wichtigste Veröffentlichungen

Unveröffentlichte Manuskripte